Hast Du keine Angst // Aren’t you afraid?

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Das werde ich manchmal gefragt.

Kurze Antwort: Frei von Angst bin ich nicht. Aber einschränken lasse mich auch nicht gerne von meinen Ängsten.

Angst ist wie ein wildes Tier das Du zähmen kannst und sogar an der Leine führen.

Ein gesunder Umgang mit Angst besteht für mich aus vier Schritten:

  1. Verstehen worum es geht – “was will die Angst mir sagen?”
  2. Maßnahmen gegen die Gefahr treffen (falls sinnvoll)
  3. Entschluss zum Restrisiko fassen (eingehen oder nicht)
  4. Folgen akzeptieren, mich “frei” machen

Das klingt sehr rational wenn ich das so aufzähle. Tatsächlich ist es überwiegend ein emotionaler Prozess.

Schritt 1 ist ein Interview zwischen Verstand und Gefühlen. Worum geht es eigentlich? Angst vor Ertrinken? Erfrieren? Verhungern? Danke für die Hinweise.

Schritt 2 ist tatsächlich der einzig rationale. Absichtlich. Wenn ich mir die Situation mal aus der rationalen Perspektive betrachte: welche konkreten Probleme sehe ich dann?

Diese Übung ist wichtig um in unserer heutigen, modernen Welt zurecht zu kommen. Unsere Instinkte und Emotionen stammen noch aus einer Zeit in der viele moderne Probleme oder Lösungen nicht existierten. Daher ist instinktive, emotionale Angst heute sehr selten ein guter Ratgeber. Sie produziert sowohl falschpositive (sinnlose) Ängste als auch falschnegative (scheinbare Sicherheit).

Ertrinken wäre denkbar wenn ich ins Wasser falle. Gegen das Ertrinken könnte ich eine Schwimmweste tragen. Gegen das Über-Bord-Gehen könnte ich mich mit einer Lifeline sichern. Gegen das Erfrieren könnte ich eine Trockenanzug tragen. Der verhindert die Unterkühlung im Wasser nicht, zögert sie aber deutlich hinaus. Vielleicht lange genug bis Rettung kommt. Für einen schnellen Notruf habe ich einen Satelliten-Messenger in der Beintasche. Verhungern ist hier Quatsch. Die Ostsee ist nicht groß genug dass ich manövierunfähig herumtreiben könnte bis ich verhungert bin. [Beispiele gekürzt]

Schritt 3: Möchte ich mit dem Restrisiko leben? Eventuell lange, harte Tage segeln? Kalte Hände? Kleine Schäden? Vielleicht nach Schiffbruch oder Mann-über-Bord doch unterkühlen bevor Rettung kommt?

Das ist wieder eine Kooperation zwischen Verstand und Herz. Der Verstand stellt die Fragen. Nur das Herz kann sie beanworten und sich committen.

Ja, die unbequemen Folgen kann ich ertragen. Kalte Hände und lange Tage sind OK wenn ich’s nicht vermeiden kann. Den Todesfall schätze ich für extrem unwahrscheinlich ein (beim Segeln jetzt nicht mehr wahrscheinlicher als beim Autofahren oder beim Sushi essen). In jedem Fall ist für Kira gesorgt, der Nachlass ist geregelt.

Schritt 4 ist dann das Anleinen der Angst. Eine fast reine emotionale Übung. Das Verstand ist gerade noch Zeremonienmeister.

“Schau Angst, wir haben es alles besprochen. Ich habe Dir zugehört. Dann habe ich ein paar moderne Sachen gemacht die Du nicht verstehen kannst. Das restliche Risiko ist lange nicht so groß wie Du es am Anfang gesehen hast. Das kann ich eingehen. Danke für Deine Warnungen.”

Der Text oben klingt rational. Meine Angst möchte ich nicht ignorieren oder überreden, sondern mit ihr verhandeln und arbeiten.

Wesentlich ist das Hineinfühlen in mich selbst. Wie wirkt die Situation jetzt, in Schritt 4, gefühlsmäßig auf mich? Ballt sich der Magen zusammen? Atme ich flach? Kann ich mich wieder entspannen? Kommt Freude auf?


Es hatte wohl gute Gründe warum ich 5 Wochen lang in Großenbrode gebraucht hatte bevor ich lossegeln konnte. Einige Zeit war logistisch bedingt (Einkäufe, Planungen, Hundeübergabe). Weitere Zeit brauchte ich für Training und Selbststudium. Geschätzte 2 Wochen brauchte ich für das mentale Training wie oben beschrieben, bis ich schließlich leicht im Herzen und mit frohem Mut aufbrechen konnte.

Der aktive Umgang mit Angst ist mir irgendwann beim Klettern bewusst geworden. Seitdem praktiziere ich diese Übungen entweder regelmäßig (z.B. integriert in den Sport) oder situativ. Die intensivsten Trainingseinheiten durfte ich beim Brückenspringen erfahren. Sport ist dabei eine nützliche Bühne. Von dort kann ich die Technik auch auf alle anderen Lebensbereiche übertragen (z.B. Beruf, Liebe oder Finanzamt).

Was ich euch damit erzählen möchte:

  1. Angst ist selten ein guter Ratgeber
  2. Gesunder Umgang mit Angst ist trainierbar
  3. Mit Angst an der Leine ist das Leben unbeschwerter und glücklicher

Love + Peace für Alle ~

Published by Boran

travelling the Touring Test

4 thoughts on “Hast Du keine Angst // Aren’t you afraid?

  1. wahre Worte, interessant beschrieben und auf alle Lebensbereiche anwendbar. Weiterhin good Luck und keine Momente wo du wirklich Angst haben musst!

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    1. Sehr gerne. Ich hoffe es hilft der oder dem einen oder anderen.

      Vielleicht können wir das Thema auch wissenschaftlich aufbereiten und die Technik weiter verbessern?

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      1. Mir würden zumindest noch ein paar Ergänzungen einfallen und spannend finde ich das Thema auch.

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